Die Rückkehr Oswald Spenglers
Verfasst von: Renato Ammannati
1. Karl Löwith und die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie
In seinem Werk Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie behauptete der bayerische Philosoph Karl Löwith, dass die Interpretation der Geschichte, wie sie sich im Westen über die Jahrhunderte hinweg entwickelt hat, auf einer bestimmten Exegese der biblischen Schriften beruht, auch wenn unsere Philosophen immer zurückhaltend waren, es zuzugeben. Laut Löwith hatten sogar diejenigen, die die jüdisch-christliche Tradition ausdrücklich ablehnten, tatsächlich Kryptotheologie praktiziert, da aus ihren philosophischen Gedanken die Kategorien Fortschritt-Linearität-Vollendung herausragen, die gerade auf dieser Exegese beruhen. Der einzige Unterschied zwischen der christlichen Theologie und der westlichen Geschichtsphilosophie bestand in der Säkularisierung der biblischen Perspektive der eschatologischen Zukunft, in der die göttliche Vorsehung durch das weltliche Konzept des Fortschritts ersetzt worden war.
In Weltgeschichte und Heilsgeschehen tat Löwith beides, sowohl die zugrundeliegenden Beziehungen zwischen christlicher Offenbarung und westlicher Philosophie zu betonen als auch zu demonstrieren, dass das Christentum niemals versucht hat, eine klare Antwort auf den Sinn der Geschichte zu geben:
»Im Lichte des Glaubens betrachtet bilden die weltlichen Begebenheiten vor und nach Christus keine kontinuierliche Folge sinnvoller Geschehnisse, sondern nur den äußeren Rahmen des Heilsgeschehen«.[1]
Außerdem stellte der bayrische Philosoph fest, dass sich die Menschheitsgeschichte seit Christus zweifellos radikal verändert habe, solche Umwandlung jedoch unsichtbar bleibe, und fügte hinzu, dass die neutestamentliche Theologie der politischen Geschichte dieser Welt im Wesentlichen gleichgültig gegenüberstehe.[2] Letztendlich argumentierte er, dass wir, selbst wenn wir in der Geschichtsphilosophie vom 19. über das 18. Jahrhundert bis hin zu den ursprünglichen Eingebung des biblischen Glaubens zurückgehen, keine Andeutung einer Geschichtsphilosophie finden.[3] Diese fast dogmatische These wurde jedoch von Löwith durch eine schwache Studie des Neuen Testaments unterstützt. Seine Überlegungen gründete er auf Oscar Culmanns Christus und die Zeit, ein Werk, dessen Inhalt wir heute aufgrund der Fortschritte in der Bibelwissenschaft als veraltet betrachten. In den 1990er Jahren behauptete der Theologe Joseph Ratzinger, dass die menschliche Geschichte nicht nach den philosophischen Kategorien Fortschritt-Linearität-Vollendung, sondern vielmehr nach den Kategorien der Wiederkehr des Gleichen und des zyklischen Niedergangs voranschreitet:
»Wenn man die Apokalypse liest, so sieht man, daß sich die Menschheit eigentlich in Kreisen bewegt […]. Der Gedanke, daß notwendig die menschlichen Dinge immer besser werden, hat keinen Anhalt im Christlichen«.[4]
Einige Jahre später interpretierte Ratzinger die Entwicklung des Abendlandes nach dem Schema, das Oswald Spengler und Arnold Toynbee vorgeschlagen hatten, und bestätigte damit seine frühere These, dass die Menschheitsgeschichte im Kreis und nicht linear und progressiv verläuft.[5]
2. Die Offenbarung des Johannes: eine neue Interpretation
Ratzinger blieb zwar dem christlichen Dogma treu, dass die Welt und die Geschichte einen Anfang hatten und ein Ende haben werden, argumentierte aber, dass die zyklische Zeit und die lineare Zeit innerhalb des Christentums koexistieren, und dass nur die allmähliche Etablierung der Idee des linearen Fortschritts in der Aufklärungsphilosophie die ursprüngliche christliche Botschaft verdarb. Der moderne Optimismus, der mit der Idee des unbegrenzten Fortschritts verbunden war, geriet im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in eine Krise, als in verschiedenen Wissensgebieten eine zyklische Auffassung der Ereignisse wieder aufkam, und fand in Oswald Spengler einen seiner größten Theoretiker auf philosophischen Bereich.
Sobald festgestellt wurde, dass Johannes den zyklischen Verlauf der Geschichte theoretisiert, bleibt die Frage offen, wie die Offenbarung richtig interpretiert werden kann. Tatsächlich hat Ratzinger nur behauptet, dass Johannes‘ Buch die Existenz historischer Zyklen offenbart, ohne die hermeneutischen Kriterien zu erklären, die eine solche Lesart stützen. Ziel dieses Artikels ist es, diese Lücke zu schließen.
Zunächst muss betont werden, dass die Offenbarung, obwohl sie eines der meistgelesenen und kommentierten Bücher der Bibel ist, für das Verständnis der christlichen Geschichtsauffassung nie ernsthaft in Betracht gezogen wird, so dass Löwith selbst sie ignoriert hat. Dieses Desinteresse hat verschiedene Ursachen, unter anderem die von Johannes übernommene Symbolsprache. Im Westen galten ähnliche Werke schließlich nur noch als Mythen, also als Fabeln. Wie Alain de Benoist erinnert, standen Mythos und Logos seit den Anfängen der europäischen Kultur im Konflikt, und als der Logos den Mythos übernahm, wurde dieser schließlich einem unglaubhaften, unzuverlässigen Diskurs gleichgesetzt. Es ist kein Zufall, dass auch im Lateinischen der Begriff fabula, der ursprünglich »ernstzunehmende Geschichte« bedeutete, später mit einer unwirklichen Geschichte, d. h. einer ohne Wahrheitsgehalt, gleichgesetzt wurde, so dass Mythos und Fabel schließlich als Synonym betrachtet wurden.[6]
Es mussten zwanzig Jahrhunderte vergehen, bis einer der größten Religionswissenschaftler, der Rumäne Mircea Eliade, den wesentlichen Unterschied zwischen Sprache und Inhalt aufzeigte. Da sie keine abstrakte Sprache kannten, verwendeten die alten Kulturen Symbole und Mythen, um Konzepte und Ideen auszudrücken. Durch diese Symbole und Mythen brachten sie:
»[…] auf verschiedenen Ebenen und mit den ihnen eigenen Mitteln, ein komplexes System von zusammenhängenden Feststellungen über die letzte Wirklichkeit der Dinge zum Ausdruck, ein System, das man als Darstellung einer Metaphysik betrachten kann. Es ist allerding wesentlich, den tiefen Sinn aller dieser Symbole, Mythen […] richtig zu erfassen, damit es gelingt, ihn in die uns vertraute Sprache zu übertragen. Wenn man sich die Mühe macht, die authentische Bedeutung eines archaischen Mythos oder Symbols zu ergründen, kann man nicht umhin festzustellen, daß in ihr die Bewußtwerdung einer gewissen Stellung im Kosmos deutlich wird und daß sie damit auch eine metaphysische Stellung einbegreift. Es wäre vergeblich, in den archaischen Sprachen die Begriffe finden zu wollen, die von den großen philosophischen Überlieferungen so arbeitsam geschaffen worden sind […]. Aber wenn auch das Wort dafür fehlen mag, die Sache ist doch vorhanden: Nur wird sie „ausgesagt“ – das heißt in Zusammenhang dargestellt – durch Symbole und Mythen«.[7]
Wenn wir Eliades Worte berücksichtigen, wird es für uns leicht zu erkennen, dass hinter einigen der großen mythisch-symbolischen Erzählungen der archaischen Kulturen der Versuch steht, Geschichtsphilosophie zu betreiben,[8] und die Offenbarung des Johannes ist eine der größten, wenn nicht die größte Anstrengung des gesamten Altertums.
Mit dem Ende der klassischen Zivilisation ging der eigentliche Sinn der Offenbarung völlig verloren und die europäischen Völker haben von der Spätantike bis zur Gegenwart nur die formalen Elemente dieser Botschaft beibehalten, die Eliade als Wort bezeichnet. Wie Spengler erläutert:
»In Wirklichkeit entwickelte der magische Mensch […] eine Sprache seines religiösen Wachseins, die wir „das“ Christentum nennen. Was von diesem Erlebnis mitteilbar war, Worte, Formeln, Gebräuche, nahm der Mensch der spätantiken Zivilisation als Mitte für sein religiöses Bedürfnis an; von Mensch zu Mensch ging diese Formensprache bis zu den Germanen der abendländischen Vorkultur, in den Wortklängen immer dasselbe, in den Bedeutungen immer etwas anders. Man würde nie gewagt haben, die ursprüngliche Bedeutung der heiligen Worte zu verbessern, aber man hatte sie gar nicht gekannt«.[9]
Dasselbe Konzept wird später im Buch wiederholt:
»Dann erst wird man erkennen, wie wenig das faustische Christentum aus dem Reichtum der pseudomorphosen Kirche herübergenommen hat, nämlich nichts von Weltgefühl, wenig von der inneren Form, und viel an Begriffen und Gestalten«.[10]
Spengler selbst scheint die gesamte Welt der christlichen Apokalyptik missverstanden zu haben. Wenn es stimmt – wie der deutsche Philosoph schreibt –, dass die Welt des magischen Menschen von einer Märchenstimmung erfüllt ist,[11] dann stimmt es auch, dass dieselben Symbole, die zur Beschreibung der Welt des Menschen und der Weltgeschichte verwendet wurden, später in Legenden und zahlreichen religiösen Romanen aufgegriffen wurden, die nichts mit dem eigentlichen Sinn der Apokalyptik zu tun hatten.
Ein zweiter Grund hat in den letzten neunzehn Jahrhunderten zur Fehlinterpretation der Offenbarung geführt. Er ist sehr komplex und verdient es, ausführlich erklärt zu werden, weil er, wenn er einmal begriffen ist, dazu führt, die Darstellung der Weltgeschichte als Abfolge von Zyklen zu verstehen.
Die Genese der Offenbarung ist ein umstrittenes Thema, und unter den Gelehrten herrscht noch immer keine Einigkeit darüber, wann und wo sie geschrieben wurde. Laut einigen wurde das Buch der Offenbarung in den letzten Jahren des ersten Jahrhunderts, wahrscheinlich zwischen 90 und 95 auf der Insel Patmos, wo Johannes deportiert worden war, geschrieben (Offb 1,9). Laut anderen wurde es einige Jahrzehnte früher verfasst, wahrscheinlich vor oder kurz nach der Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.). Unabhängig von der Entstehungszeit erschien das Buch in seiner vollständigen Form erst zur Zeit des Kaisers Domitian, also gegen Ende des 1. Jahrhunderts. Doch erst zwei Jahrhunderte später erschienen die ersten Kommentare, verfasst von Victorinus von Pettau (3. Jahrhundert) und Tyconius (4. Jahrhundert). Warum verging zwischen dem Entstehungsdatum und den ersten Interpretationsbemühungen so viel Zeit? Denn, um ihre Darstellung der Weltgeschichte weiterzuentwickeln, nutzten die Christen dieser Zeit weiterhin zwei alttestamentliche Prophezeiungen. Beide wurden im jüdischen Milieu in den Jahrhunderten zwischen dem 6. und 2. v.Chr. verfasst und einer Person namens Daniel zugeschrieben. Im Kapitel 2 sah der König Nebukadnezar im Traum ein großes Standbild: Sein Haupt war von feinem Gold, seine Brust und seine Arme waren von Silber, sein Bauch und seine Lenden waren von Kupfer, seine Schenkel waren von Eisen, seine Füße waren teils von Eisen und teils von Ton. Die Zehen wurden von einem Stein getroffen und das Standbild stürzte schließlich um. Der Felsen, der das Bild zertrümmert hatte, wurde jedoch zu einem großen Berg, der die ganze Erde ausfüllte. Daniel erklärte dem König, dass die Materialien des Standbildes vier Weltreiche darstellten, während der Stein und der Berg auf ein von Gott errichtetes Königreich hindeuteten, das niemals zerstört werden würde. Im Kapitel 7 beschreibt Daniel die vier Reiche (d.h. die vier Zeitalter) als Tiere aus einem stürmischen Meer. Die Zerstörung des vierten Reiches führt schließlich zur Errichtung des ewigen Reiches Gottes. Spengler betont, wie diese Prophezeiung (d.h. die Struktur der beiden Prophezeiungen):
»eine Schöpfung des magischen Weltgefühls [sei], welche zuerst in der persischen und jüdischen Religion seit Kyros hervortrat, in der Lehre des Buches Daniel von den vier Weltaltern eine apokalyptische Fassung erhielt und in den nachchristlichen Religionen des Ostens […] zu einer Weltgeschichte ausgestaltet wurde«.[12]
Nachdem das Römische Reich christianisiert wurde, wurde Daniel in der lateinischen Welt genutzt, um eine vollendete Vorstellung der Weltgeschichte zu entwickeln. Der heilige Hieronymus verfasste einen Kommentar zu Daniel und bot seine Interpretation der beiden Prophezeiungen an. Das Eisen aus Daniel 2 und das vierte Tier aus Daniel 7 symbolisieren das Römische Reich:
»Nun ist das vierte Reich, das sich offenkundig auf die Römer bezieht, das Eiserne Reich, das alle anderen zertrümmert und bezwingt. Aber seine Füße und Zehen bestehen teils aus Eisen, teils aus Ton, eine Tatsache, die sich heute am deutlichsten zeigt. Denn so wie es anfangs nichts Stärkeres und Widerstandsfähigeres gab als das Römische Reich, so gibt es auch in diesen letzten Tagen nichts Schwächeres, da wir sowohl in unseren Bürgerkriegen als auch gegen fremde Nationen auf die Unterstützung barbarischer Stämme angewiesen sind«.[13]
In seinem Kommentar zur Prophezeiung der vier wilden Tiere wiederholt Hieronymus das gleiche Konzept: »Das vierte Reich ist das Römische Reich«.[14] Aber der lateinische Kirchenvater schreibt auch, dass in der Endphase des Römischen Reiches jedoch ein fünftes Reich entstehen wird. Dieses letztes Imperium wird am Ende der Zeit die stärkste Macht sein, alle Königreiche vernichten und für immer herrschen. Hieronymus interpretiert dieses letzte Königreich als das christianisierte Römische Reich (»der Herr und Erlöser« Jesus Christus).[15] Diese Interpretation wurde von einem Zeitgenossen des Hieronymus, Augustinus, Bischof von Hippo, aufgegriffen, der in seinem Buch Vom Gottesstaat, einem lateinischen Werk in zweiundzwanzig Büchern, das zwischen 413 und 426 geschrieben wurde, das Christentum gegen den Vorwurf verteidigen wollte, die Plünderung Roms durch die Westgoten im Jahr 410 verursacht zu haben. Unter Bezugnahme auf die Prophezeiung von Daniel 7 schreibt der afrikanische Bischof, dass sie das Römische Reich symbolisiert:
»Einige haben erklärt, dass es sich bei den vier Königreichen um die der Assyrer, Perser, Mazedonier und Römer handelt. Wer wissen will, nach welchem Kriterium sie eine solche Erklärung gegeben haben, lese das Buch des Priesters Hieronymus über Daniel, das sachkundig und methodisch geschrieben ist.« (Vom Gottesstaat Buch XX, 7, 23)
Von da an stellte niemand mehr die Auslegung der beiden Prophezeiungen Daniels in Frage, die das vierte Reich als das Römische Reich und das fünfte Reich als das nunmehr christianisierte Römische Reich bezeichneten.
Die von Hieronymus vorgeschlagene und von Augustinus bestätigte Auslegung der Heiligen Schrift passte perfekt zu dem in der heidnischen Welt entwickelten Geschichtsbild, das auf der Vorstellung von der Ewigkeit Roms beruhte, die der Historiker Ammianus Marcellinus einige Jahrzehnte vor den Kirchenvätern bekräftigt hatte. Sein Buch, die Res Gestae, wurde gegen Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. verfasst und behandelt die Ereignisse des Reiches vom Principat des Nerva bis zur Schlacht von Adrianopel. Der erste Teil des Werkes ist verloren gegangen; der verbleibende Teil umfasst die Jahre 353-378, die Zeit, in der Ammianus in der kaiserlichen Armee diente. Während sich der Autor im zweiten Teil vor allem auf direkte Quellen stützte, d.h. auf seine während des langen Militärdienstes verfassten Aufzeichnungen sowie auf offizielle Dokumente und Berichte, muss der erste Teil sowohl dank früherer historischer Werke als auch dank jener Archivdokumente geschrieben sein, die Ammianus in Rom eingesehen haben soll, wohin er nach dem Ende seines Militärdienstes (um 380) zog. Der Aufenthalt ermöglichte es Ammianus nicht nur, seine Abhandlung über die Geschichte Roms zu beenden, sondern auch, über das Schicksal des Reiches nachzudenken. Im vierzehnten Buch, dem ersten der verbleibenden Bücher, vergleicht der Historiker die Hauptstadt mit einer »ehrlichen und weisen« Frau, die, nachdem sie alle »stolzen und barbarischen« Völker besiegt hat, nun ein hohes Alter erreicht hat und ihren Kindern, den Kaisern, die Aufgabe überlässt, das von ihr hinterlassene Erbe zu regieren und zu verwalten (Res Gestae XIV, 6,2–6). Das Imperium des 4. Jahrhunderts erlebte für Ammianus also die letzte Phase der Weltgeschichte. Nach einer dreihundertjährigen Phase, die seiner Jugendzeit entsprach, in der es Kriege gegen die italischen Völker führte, trat das römische Volk in die Pubertät ein, überquerte die Alpen und begann sein imperialistisches Epos. Dies war die Phase der Republik (400 v. Chr. bis 50 v. Chr.). Mit dem Übergang von der Republik zum Fürstentum erlosch das letzte Aufflackern imperialistischer Bestrebungen, und die Phase der Reife (die vierte und letzte Phase) begann.[16] In der Vorstellung, die Ammianus in Buch XIV präsentiert, gibt es keine implizite Idee vom Ende des Reiches. Im Gegenteil, der Historiker erneuert die Idee der Ewigkeit des Reiches: Er schreibt, dass »Rom so lange leben wird, wie es Menschen gibt« (Res Gestae XIV, 6,3).
Die Jahre, in denen Ammianus Marcellinus die Res Gestae verfasste, waren auch die Jahre des endgültigen Sieges des Christentums über das Heidentum. Das Edikt von Thessaloniki, ein im Jahr 380 von Kaiser Theodosius erlassenes Dokument, legte fest, dass das Christentum die einzige offizielle Religion des Römischen Staates wurde. Diese politische Entscheidung war ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Bildung eines christlichen Reiches, der mit dem Edikt von Mailand im Jahr 313 begonnen hatte. Die Auslegung der Prophezeiung Daniels von den vier Monarchien, wonach das Römische Reich das letzte der Weltreiche vor dem ewigen Reich Gottes war, schien sich zu erfüllen.
Die aktualisierte Auslegung Daniels erstreckte sich über die Jahrhunderte der Spätantike und fand ihre Bestätigung im Mittelalter. Alain de Benoist schreibt, dass die mittelalterliche Theorie der Translationes die Kontinuität zwischen dem Reich Karls des Großen und dem Römischen Reich rechtfertigte und:
»den von der Prophezeiung Daniels inspirierten theologischen Spekulationen ein Ende setzte, die das Ende der Welt nach dem Ende des vierten Reiches vorhersagten, d.h. nach dem Ende des Römischen Reiches, das die Nachfolge Babylons, Persiens und des Reiches Alexanders angetreten hatte«.[17]
So, auf der Grundlage der Prophezeiung Daniels, im mittelalterlichen Geschichtsdenken herrschte die Vorstellung einer kaiserlichen und religiösen Kontinuität mit der Vergangenheit als den historischen Beweis für den Aufstieg einer neuen Welt nach dem Untergang Roms vor.[18]
Die lineare und fortschrittliche Darstellung der Zeit, die im Mittelalter in Daniels Interpretation dogmatisiert worden war, überwand sogar die Krise des Übergangs von der christlichen Geschichtsdeutung zur aufklärerischen Geschichtsphilosophie an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert. Als Voltaire den Essai sur les mœurs et l’esprit des nations veröffentlichte, war sein Ziel »das alte religiöse System und insbesondere die christliche Geschichtsauffassung zu Fall zu bringen«.[19] Die Veröffentlichung erfolgte 1756, sechzehn Jahre nach dem Tod von Karl VI. von Österreich, einem Ereignis, das der französische Philosoph als Vorbote erschütternder Veränderungen auf dem europäischen Kontinent betrachtete. Sie würden das Ende der alten politischen Ordnung herbeiführen, die durch das Heilige Römische Reich verkörpert war, und des auf der christlichen Lehre gegründeten Kultursystems, das, wie Friedrich der Große an Voltaire schrieb, als »Fabeln, kanonisiert durch ihr Alter und die Leichtgläubigkeit […] absurder Leute« betrachtet werden sollte.[20] Trotz dieser offensichtlichen Verachtung des Christentums fuhr Friedrich der Große fort, die Weltgeschichte anhand der Prophezeiung aus Daniel 2 zu lesen: Das letzte Reich, das fünfte, das wie ein Berg auf die alte Welt fallen und sie zerstören würde, war dasjenige, das er und Voltaire errichteten, wie er am 26. Oktober 1740 an den französischen Philosophen schrieb.[21]
Der Briefwechsel zwischen Friedrich dem Großen und Voltaire bestätigte Spenglers These: Die philosophischen Kategorien Fortschritt-Linearität-Vollendung waren eine Schöpfung des magischen Weltgefühls, welche zuerst in der persischen und jüdischen Religion seit Kyros hervortrat und dann in der Lehre des Buches Daniel von den vier Weltaltern eine apokalyptische Fassung erhielt. Später wurden sie zu einer Weltgeschichte in den nachchristlichen Religionen des Ostens weiterentwickelt und endlich von der abendländische Kultur geteilt. Während die Christen die Prophezeiung mit der Christianisierung des Römischen Reiches als erfüllt angesehen hatten, sahen die Eliten der Aufklärung sie mit dem Ende der alten politischen Ordnung, verkörpert durch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und das auf christlichen Lehren basierende Kultursystem, als erfüllt an.
Der Briefwechsel zwischen Friedrich dem Großen und Voltaire enthüllte eine zweite, wichtige Wahrheit: Wenn man bedenkt, dass die lineare und progressive Vorstellung von der Menschengeschichte, die durch die Prophezeiungen Daniels entwickelt worden war, noch im 18. Jahrhundert sogar von den Gegnern der christlichen Religion geteilt wurde, kann man sich leicht vorstellen, wie der biblische Prophet als unbestrittene Autorität und Ausgangspunkt für die Interpretation der Offenbarung des Johannes im 4. und 5. In Vom Gottesstaat bietet Augustinus einen Einblick in die Weltgeschichte und versucht, Kapitel 20 der Offenbarung zu interpretieren, das für die Beschreibung des letzten Jahrtausends vor dem Ende der Zeit bekannt ist. Augustinus schreibt, dass »das Millennium der sechste Tag ist, dessen Phasen sich gegenwärtig vollziehen« (Buch XX 7,2). In der Offenbarung beschreibt Johannes den Beginn der tausend Jahre nach der Niederlage des letzten Tieres (Kapitel 19), das in Kapitel 13 durch die Symbole der vier Tiere aus Daniel 7 dargestellt wird, als es aus dem Meer herauskommt. Das heißt, dass das Tier das heidnische Römische Reich symbolisiert, als es sein Weltreiche gründet (Kapitel 13) und endlich vom Christus besiegt wird (Kapitel 19).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Geschichtsphilosophie, wie sie sich im Westen seit den ersten Jahrhunderten entwickelt hat, auf einer linearen und fortschrittsorientierten Sicht der Zeit beruht, die vom Christentum ererbt wurde. Sie stammt aus der Auslegung der Prophezeiungen des Alten Testaments und insbesondere von Daniel 2 und 7: Das vierte Reich, das Römische, würde christlich werden und ewig dauern, zumindest bis zur Wiederkunft Christi. Auf der Grundlage dieser Lesart Daniels wird ab dem vierten Jahrhundert die Offenbarung des Johannes interpretiert. Durch das Teilen dieser Auslegung wird aber jeder Versuch, eine zyklische Vorstellung der Weltgeschichte zu entwickeln, wie Ratzinger behauptet, vereitelt. Das heißt, dass diese jahrhundertelang akzeptierte Interpretation falsch ist und dass Ratzinger eine andere vorgeschlagen hat, wenn auch ohne sie jemals klar dargelegt zu haben.
3. Spengler
Um die richtige Auslegung der Offenbarung nach neunzehn Jahrhunderten von Auslegungsmisserfolgen zu begreifen, muss man das von Spengler in seinem Untergang postulierte Geschichtsmodell berücksichtigen:
»Gibt es eine Logik der Geschichte? Gibt es jenseits von allem Zufälligen und Unberechenbaren der Einzelereignisse eine sozusagen metaphysische Struktur der historischen Menschheit, die von den weithin sichtbaren, populären, geistig-politischen Gebilden der Oberfläche wesentlich unabhängig ist?«.[22]
Diese Frage stellt sich Spengler in der Einleitung zu seinem philosophischen Meisterwerk. Sein Ziel ist, »das Schicksal einer Kultur, und der einzigen, die heute auf diesem Planeten in Vollendung begriffen ist, der westeuropäisch-amerikanischen« vorauszubestimmen.[23] Die Logik der Geschichte, d.h. ihre metaphysische Struktur, kann nur vorgefunden werden, wenn man die Aufmerksamkeit auf menschliche Kulturen und auf ihre Beziehung zur Weltgeschichte richtet. Spengler präsentiert die Kulturen als Individuen höherer Ordnung und stellt die enge Beziehung zwischen ihrer Entwicklung und den organischen Zuständen – Geburt, Jugend, Alter, Tod – lebender Formen auf: Jede Kultur hat:
»ihre eigne Idee, ihre eignen Leidenschaften, ihr eignes Leben, Wollen, Fühlen, ihren eignen Tod […]. Es gibt aufblühende und alternde Kulturen, Völker, Sprachen, Wahrheiten, Götter, Landschaften […]. Jede Kultur hat ihre neuen Möglichkeiten des Ausdrucks, die erscheinen, reifen, verwelken und nie wiederkehren«.[24]
Der deutsche Philosoph war davon überzeugt, dass das reale Bild der Weltgeschichte nur begriffen werden kann, wenn man die üblichen Periodisierung der Geschichte (Altertum-Mittelalter-Neuzeit, entwickelt nach der Prophezeiung Daniels) ablehnt und die Neue (Geburt, Wachstum, Reife, Tod der Kulturen) annimmt. Im Laufe der Geschichte haben sich verschiedene Kulturen herausgebildet, jede mit ihren eigenen Merkmalen, die jedoch dem gleichen Entwicklungsschema unterliegen, das auf dem universellen Zyklus von Geburt, Wachstum, Reife und Tod oder – in der Metapher der Jahreszeiten – Frühling, Sommer, Herbst und Winter beruht. Spenglers These ähnelte damit der hinduistischen Lehre von den vier Zeitaltern: Auf das Goldene Zeitalter (Frühling) folgte das Silberne Zeitalter (Sommer), das Kupferne Zeitalter (Herbst) und schließlich das Eiserne Zeitalter (Winter). Mircea Eliade erklärt, wie die hinduistische Vierweltzeitalterlehre an die iranische Welt und von dort an die Juden weitergegeben wurde.[25] In der iranischen Welt verlor die Geschichte jedoch ihren zyklischen Charakter, und die Idee des „historischen Linearismus“, die die Juden im Buch Daniel teilen, setzte sich durch.[26] Diese Doktrin sollte im zwanzigsten Jahrhundert im Westen vorherrschend bleiben, d.h. bis zur Rehabilitierung des Zyklusgedankens in der Geschichtsphilosophie durch Spengler und Toynbee.[27] Mit diesen beiden Autoren machte die Lehre von den vier Zeitaltern einen Schritt nach vorn, als sie auf Kulturen angewandt wurde. Insbesondere bei Spengler standen die vier Jahreszeiten schließlich für die vier Phasen einer Kultur, wie der deutsche Philosoph in den Gleichzeitigkeitstafeln seines philosophischen Meisterwerks darlegt. Diese Tafeln veranschaulichen die politischen, künstlerischen und geistigen Merkmale der griechisch-römischen, ägyptischen, arabischen und westlichen Kultur für jede der vier charakteristischen Phasen ihres Lebenslaufs. Durch den Vergleich der Kulturen entwickelt Spengler den Begriff der Gleichzeitigkeit und nennt »„gleichzeitig“ zwei geschichtliche Tatsachen, die, jede in ihrer Kultur, in genau derselben – relativen – Lage auftreten und also eine genau entsprechende Bedeutung haben«.[28] In diesem Sinne sind z. B. Alexander der Große und Napoleon gleichzeitig, denn mit ihnen markieren die beiden entsprechenden Kulturen den Übergang von der „Sommer-“ zur „Herbstzeit“.
Mit Hilfe des Gleichzeitigkeitsbegriffs gelingt es Spengler nicht nur, die bisherigen Phasen der westlichen Kultur aufzuzeigen, sondern auch ihre politische Zukunft vorherzusagen, die durch die Bildung eines Weltreichs nach dem Vorbild der Römer gekennzeichnet ist. Die von Spengler angewandte Methode besteht darin, durch das Studium toter Kulturen ein abstraktes Muster zu schaffen und dieses Muster dann zu benutzen, um »die noch nicht abgelaufenen Zeitalter abendländischer Geschichte nach innerer Form, Dauer, Tempo, Sinn, Ergebnis vorauszubestimmen«.[29]
Die Offenbarung folgt den gleichen Kriterien des Untergangs. Johannes beschreibt die letzten zwei Phasen der griechisch-römischen Kultur in den drei letzten Posaunen und verwendet dabei ein bereits bestehendes Modell, nämlich die Prophezeiung von Daniel 7: Das „napoleonische“ Zeitalter wird malerisch durch den Aufstieg einer höllischen Armee aus der Tiefe zur Erde beim Klang der fünften Posaune dargestellt. Das aus seltsamen Heuschrecken gebildete Heer (Offb 9,7–10) wird von einem König angeführt, dem Engel der Tiefe, den Johannes zunächst auf Hebräisch Abaddon und dann auf Griechisch Apollyon nennt. Edmondo Lupieri und Charles Giblin haben eine klare Parallele zwischen diesem Unterweltmonster und dem Tier aus Offenbarung 11,7 gezogen.[30] Wenn man bedenkt, dass das in Offb 11,7 beschriebene Tier an die vier Tiere aus Daniel 7 erinnert, muss die abgrundtiefe Apollyon-Abaddon-Gestalt auch in gewisser Weise in das Schema von Daniel 7 passen. Die abgründige Gestalt des Apollyon steht für das Zeitalter der griechischen Herrschaft, die mit Alexander dem Großen begann und mit Antiochus IV Epiphanes endete, während das Meerestier in der folgenden Posaune (Offb 11,7) von Kommentatoren mit Rom identifiziert wird.[31] Dieser Abfolge von Weltreichen stimmt mit der Auslegung der letzten zwei Tiere aus Daniel 7 überein, die zur Zeit Jesu gegeben wurde.[32] Die Niederlage des letzten Tieres löst den Klang der letzten Posaune aus, die den Eintritt der alten Welt in das „Reich Gottes“ ankündigt. Das ist der Epilog jeder Zivilisation, das Gewordene nach dem Werden, den Tod nach dem Leben, die Starre nach der Entwicklung.[33]
Johannes folgt gewissenhaft der Interpretation, die die Juden des 1. Jahrhunderts n. Chr. der Prophezeiung Daniels gaben und glaubt, dass das Römische Reich das letzte irdische Königreich vor der Endzeit ist. Doch unglücklicherweise kommt ein Engel aus Himmel herab und verkündigt ihm, dass die Geschichte noch nicht das Ende erreicht hat. Im Gegenteil, der Seher von Patmos erhält eine weitere Offenbarung; der Engel reicht ihm ein kleines Buch und sagt: »Du musst noch einmal weissagen über viele Völker und Nationen mit ihren Sprachen und Königen« (Offb 10,11). Was steht in dem geheimnisvollen Buch, das Johannes gereicht wird? Die Ereignisse, die nach dem Ende der klassischen Zivilisation geschehen würden und die Johannes zu erzählen zielt, wie er zu Beginn seines Buches betont: Die Offenbarung geht um das, »was bald geschehen muss« (Offb 1,1). Wie wir sehen werden, erzählt fast der gesamte zweite Teil der Offenbarung (von Mitte 12 bis Kapitel 19) von zukünftigen Ereignissen und tut dies nach dem Prinzip der zyklischen Natur des Zeitlaufs.
Als die Christen ab dem 4. Jahrhundert versuchten, die gesamte Offenbarung auszulegen, blieben sie jedoch bei der jüdischen Lesart der Prophezeiungen Daniels: Das letzte irdische Königreich, das vierte, sei mit Rom identifiziert worden. Das fünfte, das von Gott versprochene endlose Reich, mit dem christianisierten Römischen Reich. Die Idee eines zyklischen Verlaufs der Menschheitsgeschichte wurde abgelehnt, weil sie als heidnisch galt: Christus ist nur ein einziges Mal, einmal für immer für unsere Sünden gestorben.[34] Und diejenigen, die dennoch versuchten, die zyklische Idee der Zeit am Leben zu erhalten, wurden von Augustinus des Heidentums beschuldigt.[35] So kam es, dass die grandiosen Bilder des 13. Kapitels der Offenbarung, in denen ein Tier aus dem Meer auftaucht, sein Kopf verwundet und geheilt wird, ein zweites Tier aus der Erde herauskommt und ein Standbild zum Leben erwacht, als Ereignisse aus der Zeit des Johannes interpretiert wurden: Das Meerestier wurde mit Rom und die anderen Symbole mit politischen Tatsachen und Kaisern des ersten Jahrhunderts identifiziert.
Nachdem wir festgestellt haben, dass der zweite Teil der Offenbarung von zukünftigen Ereignissen handelt, die Johannes aufgrund des zyklischen Verlaufs der Menschheitsgeschichte vorhersehen konnte, können wir feststellen, dass der Autor der Offenbarung das gleiche methodische Verfahren wie Spengler angewandt hat. Nachdem er die verschwundenen Zivilisationen untersucht hat, entwirft Spengler ein abstraktes Raster, mit dem er die Zukunft der westlichen Zivilisation vorhersagt. Insbesondere das Römische Reich wird als Paradigma für die Vorstellung des künftigen imperialen Zeitalter der abendländischen Kultur herangezogen.[36] Johannes tut das Gleiche in der Offenbarung. Er verwendet die Prophezeiung der vier Monarchien in Kapitel 7 des Buches Daniel, um die Entwicklung der klassischen Zivilisation zu beschreiben. Anschließend verwendet er dasselbe Raster, um die Zukunft, nämlich die Zukunft der abendländischen Kultur, vorherzusagen. Die Identifizierung des Rasters und der Nachweis, dass es zukünftige und nicht vergangene Ereignisse beschreibt, ist ein Unterfangen, das mich jahrelang beschäftigt und mich dazu veranlasst hat, hunderte von Seiten zu schreiben. Die Ergebnisse habe ich in meinen drei Büchern gesammelt. Meine letzten beiden Bücher untermauern nicht nur die Übereinstimmung mit Spenglers und Johannes’ Gedanken, sondern werden auch von einer notwendigen exegetischen Analyse begleitet, um zu erklären, warum die Offenbarung neunzehn Jahrhunderte lang nicht richtig interpretiert worden ist. Es ist praktisch unmöglich, dieses Werk in einem Artikel zusammenzufassen, dessen Thema die Geschichtsphilosophie ist, und würde darüber hinaus das Risiko eingehen, es in einen Text von Bibelexegese umzuwandeln. Der Leser wird sich daher mit einer kurzen Erläuterung begnügen müssen, die, wie ich hoffe, ausreicht, um die hier dargelegten Thesen zu belegen.
Vor einigen Jahren schrieb der italienische Gelehrte Eugenio Corsini, dass man noch im 20. Jahrhundert nicht die leiseste Ahnung hatte, wie Johannes sein Werk gliedern wollte.[37] Für das Ziel dieses Artikels wird nur der zweite Teil der Offenbarung untersucht und darauf hingewiesen, dass er eine sehr klare literarische Struktur hat. Wenn man die Gruppe der Kapitel 12-20 liest, stellt man fest, dass die Erzählung eine ganz bestimmte Handlung entwickelt, das Leben des Teufels. Die Handlung kann in drei Teile aufgrund der drei verschiedenen Orte, an denen der Teufel sich befindet, unterteilt werden. Zunächst befindet sich der Teufel im Himmel („himmlische Phase“: Offb 12,1-8), aber nach einem Kampf mit den Engeln wird er auf die Erde geschleudert. Von da an beginnt die „irdische Phase“ (Offb 12,9-19,21), an deren Ende der Teufel von einem Engel in die unterirdische Welt getrieben wird, aus der er nach tausend Jahren aufsteigt („unterirdische Phase“ Offb 20,1-6). Die „irdische Phase“ ist literarisch gesehen viel umfassender als die anderen: Sie beginnt in der Mitte von Kapitel 12 und erstreckt sich bis zu dem Anfang Kapitel 20. In ihr entfaltet sich eine andere Geschichte, die eines Meerestieres, die zum ersten Mal am Anfang von Kapitel 13 beschrieben und zum letzten Mal am Ende von Kapitel 19 zitiert wird. Erik Peterson, Autor eines Kommentars zur Offenbarung und von Papst Benedikt XVI. hochgeschätzter Theologe,[38] liefert wichtige Hinweise auf die narrative Struktur der „irdische Phase“. Er teilt die Phase in zwei Abschnitte unterschiedlicher Größe ein: Der erste umfasst die zweite Hälfte von Kapitel 12 (Offb 12,13-18) die wir der Einfachheit halber „Abschnitt A“ nennen, der andere den Block von Kapiteln 13-19, oder „Abschnitt B“. In „Abschnitt A“ identifiziert Peterson drei verschiedene Epochen: Während der ersten stürmt der Drache (der Teufel) gegen die Frau (die Kirche), aber die Frau hat die Flügel des großen Adlers, um in die Wüste zu fliegen. Während der zweiten speit der Drache aus seinem Mund einen Strom von Wasser hinter der Frau, um sie zu überwältigen. Doch die Erde kommt der Frau zu Hilfe, indem sie eine Schlucht öffnet und den Fluss verschlingt. In der dritten geht der Drache in den Krieg gegen den Rest des Geschlechts der Frau, das heißt gegen diejenigen, die die Gebote Gottes halten und das Zeugnis Jesu besitzen. Nachdem er diese drei Epochen kommentiert hat, stellt Peterson fest, dass der Teufel sich anschickt, die Kinder der Frau nicht mehr direkt, sondern durch Hilfe zu verfolgen. Hilfe wird von zwei Tieren kommen, die aus dem Meer (Offb 13,1) und aus dem Land (Offb 13,11) auftauchen werden. Der deutsche Theologe deutet also das Auftauchen des Tieres aus dem Meer als den Beginn einer Epoche, die den drei vorangegangenen Verfolgungsepochen strikt folgt.[39] Daraus ergibt sich, dass die „irdische Phase“ der Teufelsverfolgung (Abschnitte A + B) aus vier historischen Epochen besteht, von denen die letzte in zeitlicher Abfolge das Thema der Entstehung, Konsolidierung, Höhepunkts, Untergangs und Zusammenbruchs der Herrschaft des Meerestieres, d.h. eines Weltreiches nach dem Vorbild des Römischen Reiches, entwickelt. Es ist offensichtlich, wie Daniel 7 als Raster verwendet worden ist, die Erzählung der „irdischen Phase“ zu entwickeln. Daniel 7 besteht tatsächlich aus der Beschreibung einer Reihe von vier Epochen, deren letzte durch das Erscheinen eines Ungeheuers von noch nie dagewesener Stärke und Größe dominiert wird. Dass die Prophezeiung von Daniel 7 das Vorbild für Johannes ist, zeigt sich auch am Aussehen des Seeungeheuers: Es ist pantherartig, hat Pranken wie ein Bär und ein Maul wie ein Löwe (Offb 13,2). Mit anderen Worten, es vereint die Merkmale der vier in der Prophezeiung von Daniel 7 beschriebenen Tiere. Johannes’ These, dass jeder historische Zyklus aus vier Epochen besteht und mit dem Auftreten eines Weltreiches endet, ist ein wichtiger Hinweis auf die Ähnlichkeit der christlichen Auffassung der Geschichte mit Spenglers Theorie. Alle Kulturen – postulierte der deutsche Philosoph – gehen nach der Entstehung eines Weltreiches unter: »So erscheint das Imperium Romanum nicht mehr als ein einmaliges Phänomen, sondern […] als typischer Endzustand, der schon einige Male dagewesen […] ist«.[40]
4. Joseph Ratzinger und Karol Wojtyła
Der Beweis dafür, dass der Untergang und die Offenbarung dieselbe philosophische Geschichtsauffassung teilen, findet sich in einer Rede von Joseph Ratzinger.[41] Der Kardinal geht auf die historische Entwicklung Europas ein und erinnert daran, dass »im Anschluss an das Buch Daniel sah man das durch den christlichen Glauben erneuerte und verwandelte Römische Reich als das letzte und bleibende Reich der Weltgeschichte überhaupt an und definierte daher das sich konstituierende Völker- und Staatengebilde als das bleibende Sacrum Romanum Imperium«.[42] Die Einheit der europäischen Welt, die durch das vermeintlich letzte Imperium der Geschichte erreicht worden war, zerbrach und – so Ratzinger weiter – eine neue geteilte germanisch-protestantische und lateinisch-katholische Welt wurde geboren.[43] Der Zusammenbruch der mittelalterlichen Einheit fällt mit dem Beginn einer neuen historischen Phase zusammen, des Sommers der westlichen Kultur: »Reformation ist Gotik, ihre Vollendung und ihr Testament«[44] schreibt Spengler, und soll als die »volksmäßige Auflehnung gegen die großen Formen der Frühzeit« interpretiert werden.[45] Nach diesen zwei Etappen fügt Ratzinger eine dritte hinzu: Die Zeit der Französischen Revolution.[46] In der Geschichte des Abendlandes entsteht der säkulare Staat zeitgleich mit dem Zerfall der Idee des Imperiums. Der Staat erhebt den Anspruch, das einzige politische Subjekt zu sein, das legitimiert ist, Geschichte zu konstruieren. Daraus ergibt sich das Drama eines unerbittlichen Kampfes zwischen den europäischen Mächten, von denen sich jede als Hüterin einer universellen Mission versteht.[47] Spengler postuliert, dass nur Menschen, deren innere Geschichte sie zum Staat führt, in der Lage sind, Weltgeschichte zu schmieden: »Die Völker als Staaten sind deshalb die eigentlichen Mächte alles menschlichen Geschehens. Es gibt in der Welt als Geschichte nichts über ihnen. Sie sind das Schicksal«.[48] Nachdem Ratzinger zwei Etappen in der Geschichte des Westens aufgezeigt und eine dritte eingeleitet hat, schließt er seine Analyse mit der Einleitung einer weiteren Etappe, der letzten: »Schließlich ist da aber noch ein weiterer Vorgang zu bemerken, mit dem sich die Geschichte der letzten Jahrhunderte deutlich in ein neues hinein überschreitet«.[49] Es ist leicht zu vermuten, dass Ratzingers vierstufige Einteilung der europäischen Geschichte Spenglers Philosophie im Hintergrund hat.
Dass Ratzinger seinen Landsmann im Blick gehabt hat, die vier Etappen des abendländische Kultur zu skizzieren, davon zeugen die letzten Seiten seiner Rede:
»Damit sind wir bei den Problemen der Gegenwart angelangt. Über die mögliche Zukunft Europas gibt es zwei gegensätzliche Diagnosen. Da ist auf der einen Seite die These von Oswald Spengler, der für die großen Kulturgestalten eine Art von naturgesetzlichem Verlauf glaubte feststellen zu können: Es gibt den Augenblick der Geburt, den allmählichen Aufstieg, die Blütezeit einer Kultur, ihr langsames Ermüden, Altern und Tod. Spengler belegt seine These eindrucksvoll aus der Geschichte der Kulturen, in der man dieses Verlaufsgesetz nachzeichnen kann. Seine These war, dass das Abendland in seiner Spätphase angelangt sei…«.[50]
Zusammenfassend lässt sich sagen, in der Offenbarung wird die zyklische Geschichtsauffassung unterstützt und das Schicksal zweier Kulturen, der griechisch-römischen und der abendländischen, beschreiben.
Manche mögen einwenden, dass Johannes im zweiten Teil der Offenbarung das gleiche Thema wie im ersten Teil wiederholt und dass das in Kapitel 13 beschriebene Reich immer noch das Römische Reich ist. In den 1980er Jahren erklärte Papst Johannes Paul II. jedoch, dass die Welt Kapitel 12 der Offenbarung erlebe.[51] Kapitel 12 bezieht sich also nicht auf vergangene, wie unsere Exegeten behaupten, sondern auf zukünftige Ereignisse. Johannes Paul II. wurde am 16. Oktober 1978 zum Papst gewählt und am 25. November 1981 ernannte er Kardinal Joseph Ratzinger zum Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre. Der junge Purpurtier verließ damit die Leitung der bayerischen Erzdiözese München und Freising, um endgültig nach Rom zu ziehen. Die in jenen Jahren aufgestellte These, dass die Menschheit das 12. Kapitel der Offenbarung durchlebt, muss sicherlich von dem jungen Ratzinger stammen.
Als Karol Wojtyła erklärte, dass die Welt das zwölfte Kapitel der Offenbarung erlebe, waren bereits einige Jahre seit dem Angriff auf dem Petersplatz vergangen. Damals war die Welt noch in zwei Blöcke geteilt, doch mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Aufstieg der Vereinigten Staaten zur einzigen Weltmacht wurde die päpstliche Sicht der Welt in den 1990er Jahren aktualisiert. In einem Gespräch mit Journalisten im Jahr 1999 stellte Johannes Paul II. fest, dass die UdSSR und die USA zuvor eine Art geopolitisches Gleichgewicht geschaffen hatten, während Amerika nach dem Zusammenbruch der UdSSR allein dasteht, und er schloss daraus: »Ich weiß nicht, ob das gut oder nicht ist«.[52] Natürlich log er. Er wusste es sehr wohl: Die Kirche hatte sich von jeher gegen das einheitliche Imperium ausgesprochen, wie ein Vorgänger des polnischen Papstes vor einiger Zeit in Erinnerung gerufen hatte.[53] In den 1990er Jahren stellte der polnische Papst den Aufstieg des Weltreichs fest, den ein deutscher Philosoph Jahre zuvor prophezeit hatte. Im Untergang des Abendlandes hatte Spengler den Aufstieg eines deutschen Weltreiches gewünscht, aber er sagte in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen den Aufstieg der Vereinigten Staaten zur Weltherrschaft voraus.[54]
5. Die Universalisierung der europäischen Kultur und das Ende der unipolaren Welt
Für viele westliche Politikwissenschaftler und Philosophen waren der Zusammenbruch der Sowjetunion und der Aufstieg des amerikanischen Imperiums am Ende der Geschichte angelangt. Im Jahr 1997 schrieb der polnisch-amerikanische Diplomat Zbigniew Brzezinski, dass die Vereinigten Staaten, die zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit zu einer konkurrenzlosen Weltmacht geworden seien, die Aufgabe hätten, eine wirklich kooperative globale Gemeinschaft zu schaffen, die den grundlegenden Interessen der Menschheit entspreche.[55] Das amerikanische Jahrhundert begann, das niemals zu enden schien. Brzezinskis Optimismus wurde von Ratzinger infrage gestellt, der in der bereits erwähnten Berliner Rede den definitiven Niedergang der westlichen Vormachtstellung nahen sah:
»Der Vergleich mit dem untergehenden Römischen Reich drängt sich auf, das als großer geschichtlicher Rahmen noch funktionierte, aber praktisch schon von denen lebte, die es auflösen sollten, weil es selbst keine Lebenskraft mehr hatte«.[56]
Aufstieg oder Niedergang? Unsterblichkeit der „einsamen Supermacht“ oder baldiges Ende des Imperiums? Ubi est veritas? Der hamletische Zweifel wurde in amerikanischen politischen und intellektuellen Kreisen positiv gelöst: Obwohl Brzezinski polnischer Herkunft war, wurzelte sein Denken im typischen Optimismus der amerikanischen Kultur, für den es unmöglich schien, dass die Vereinigten Staaten jemals besiegt oder Zweiter werden könnten. Im Gegenteil, aus der Bibliothek des kleinsten Staates der Welt wurden einige Bücher herausgezogen, die alte Theorien über historische Zyklen wieder aufstellten, und es wurden unheilvolle Vorhersagen gemacht: Für Ratzinger gab es zwei gegensätzliche Diagnosen über die mögliche Zukunft der euro-amerikanischen Zivilisation. Auf der einen Seite stand die Philosophie Oswald Spenglers, der ein Naturgesetz für die großen Momente der Kulturgeschichte ausgemacht zu haben glaubte:
»Seine These war, dass das Abendland in seiner Spätphase angelangt sei, die allen Beschwörungen zum Trotz unausweichlich auf den Tod dieses kulturellen Kontinents hinausläuft«.[57]
Die zweite Diagnose wurde von Arnold Toynbee vertreten, der Spenglers Zyklustheorie als gültig anerkannte und zustimmte, dass sich die abendländische Welt tatsächlich in einer tiefen Krise befinde, aber der biologistischen Sichtweise eine voluntaristische gegenüberstellte: Wenn man die Ursache einer Krankheit kenne, könne man auch das Heilmittel finden. Ratzinger schloss seine Überlegungen mit der Feststellung, dass die Debatte zwischen Spengler und Toynbee offen bleibt, weil wir nicht in die Zukunft sehen können und nicht bestimmen können, welche der beiden Diagnosen richtig ist.[58]
Ratzingers Analyse zeigt jedoch seine Unkenntnis der Thesen Spenglers. Vielleicht hatte der bayerische Theologe den Untergang des Abendlandes nicht aufmerksam gelesen, vielleicht hatte er ihn aber auch gar nicht gelesen und sich auf die Beobachtungen und Kommentare anderer verlassen. Der deutsche Philosoph hatte an der Schwelle zum 21. Jahrhundert keineswegs das baldige Ende der westlichen Zivilisation prophezeit, sondern ihren Übergang in das Zeitalter des Cäsarismus.
Nachdem wir festgestellt haben, dass der bayerische Theologe den Untergang des Abendlandes nicht richtig gelesen hat, sondern versucht hat, die Offenbarung durch Spenglers Thesen zu interpretieren, ist es angebracht, eine neue Lesart der Offenbarung zu versuchen. Wie oben erläutert, besteht die von Spengler angewandte Methode in der Schaffung eines abstrakten Modells durch das Studium toter Zivilisationen und der anschließenden Verwendung des Modells, um auch die noch nicht vergangenen Zeitalter der westlichen Zivilisation in ihrer inneren Form zu bestimmen. Die Offenbarung folgt der gleichen Methode, die in dem Untergang verwendet wird. Johannes benutzt ein bereits existierendes Modell, nämlich die Prophezeiung von Daniel 7, um die Zukunft der Welt nach dem Ende der klassischen Zivilisation vorherzusagen. Liest man den Bericht über das aus dem Meer auftauchende Tier in Offenbarung 13, so ist die Quelle der Bildersprache Daniel 7: alle Tiere aus Daniel 7 tauchen aus dem Meer auf wie das Ungeheuer aus Offenbarung 13, dessen Aussehen das Ergebnis der Zusammenfügung der Formen der ersten drei Tiere aus Daniel (Löwe, Panther, Bär) ist. Das Tier aus Offenbarung 13 hat sieben Köpfe, was der Summe der Köpfe der Tiere aus Daniel 7 entspricht (das erste hat einen Kopf, das zweite einen, das dritte hat vier Köpfe, das letzte einen), und zehn Hörner wie die zehn Hörner auf dem Kopf des vierten Tieres aus Daniel (Dan 7,7). Was stellen die Köpfe in der Vision des Johannes dar? Die Erklärung gibt derselbe Autor in Offenbarung 17: Von den sieben Köpfen sind die ersten fünf bereits gefallen. Einer ist jetzt da, einer ist noch nicht gekommen; wenn er dann kommt, darf er nur kurze Zeit bleiben (Offb 17,10). Spengler würde die Vision des Johannes so erklären: »So erscheint das Imperium Romanum nicht mehr als ein einmaliges Phänomen, sondern […] als typischer Endzustand, der schon einige Male dagewesen […] ist«.[59] Die ersten fünf Köpfe des Tieres sind das Imperium, das in der Vergangenheit erschienen ist; der sechste Kopf, der Kopf, der »da ist«, lebt zur Zeit des Verfassers der Offenbarung und entspricht dem Römischen Reich: Johannes beschreibt es in Offb 11,7 als herrschend. Der siebte Kopf ist das Weltreich, das Johannes für die Zeit der abendländischen Zivilisation voraussieht und das er in Kapitel 13 beschreibt.
In Kapitel 17 führt Johannes jedoch ein achtes Haupt ein:
»Das Tier aber, das war und jetzt nicht ist, bedeutet einen achten König und ist doch einer von den sieben und wird ins Verderben gehen. Die zehn Hörner, die du gesehen hast, bedeuten zehn Könige, die noch nicht zur Herrschaft gekommen sind; sie werden aber königliche Macht für eine einzige Stunde erhalten, zusammen mit dem Tier« (Offb 17,11-12).
Das achte Kopf des Tieres ist ein Novum in der christlichen Apokalyptik, denn die Prophezeiung von Daniel 7 spricht von sieben und nicht von acht Köpfen. Indem Johannes sagt, dass der achte Kopf den achten König und zugleich einen der sieben darstellt, offenbart er, dass das achte Reich nur eine zeitliche Verlängerung des siebten Reiches ist, das durch das siebte Haupt repräsentiert wird, das aber auf jeden Fall aufgrund eines blutigen Ereignisses von dem vorherigen unterschieden werden muss. In Kapitel 13 erklärt Johannes den Regierungsübergang vom siebten zum achten Kopf: »Einer seiner Köpfe sah aus wie tödlich verwundet; aber die tödliche Wunde wurde geheilt« (Offb 13,3). Woher hat Johannes dieses Bild des toten und auferstandenen Kopfes, das in Daniel 7 nicht vorkommt? Unsere Gelehrten und Exegeten haben sich den Kopf zerbrochen, um diesen Abschnitt der Offenbarung zu erklären, ohne jemals eine überzeugende Auslegung vorlegen zu können. Wie zu Beginn dieses Artikels erwähnt, erschien die Offenbarung in ihrer endgültigen Form erst Ende des 1. Jahrhunderts: das heißt, dass Ihr Verfasser die wichtigsten Ereignisse in der Geschichte Roms kannte. Der Historiker David Engels erklärt in einer modernen und daher leichter zugänglichen Sprache, was Johannes mit den komplexen Symbolen des siebten Kopfes, seinem scheinbaren Tod und seiner Wiedergeburt im achten Kopf darstellt:
» Heute, in einem Abstand von mehr als 2000 Jahren, scheint uns die Entwicklung des römischen Staatswesens mit unerbittlicher Folgerichtigkeit sowohl auf das Weltreich wie auch auf das Kaisertum zuzusteuern, und die allmähliche Umwandlung einer vor allem auf Italien beschränkten republikanischen Gesellschaft in eine das gesamte Mittelmeer beherrschende imperiale Ordnung ist zu einem altbekannten geschichtlichen Paradigma geworden. Aber für die Zeitgenossen wirkte diese Entwicklung alles andere als folgerichtig und war durchzogen von Krisen, Zweifeln, Niederlagen und versäumten Gelegenheiten. Nur wenn man die wichtigsten Krisenfaktoren detailliert und kontextualisiert betrachtet, welche die Republik im Laufe der 100 Jahre zwischen 133 und 27 v. Chr., also zwischen den Gracchen und Augustus, in die Katastrophe stürzten, wird man sich erst ganz des politischen, sozialen und ökonomischen Albtraums bewusst, welcher vier Generationen römischer Bürger und Staatsmänner prägte: traditionelle Werte, die durch einen immer problematischer werdenden multikulturellen Synkretismus hinweggefegt wurden; eine im freien Fall begriffene Geburtenrate innerhalb der Vollbürgerschaft; der Zerfall des politisch-gesellschaftlichen Zusammenhalts zwischen Volk und Führung; die gewaltsame Auflehnung zahlreicher bisher nur indirekt beherrschter peripherer Clientelstaaten und ihre brutale Provinzialisierung; und schließlich die weitgehend selbstverschuldete Abdankung des senatorischen Adels, welcher es immer weniger verstand, sich nachhaltig gegen das Machtstreben einzelner Politiker, die mit der höchsten Staatsgewalt, dem imperium, ausgestattet waren, zur Wehr zu setzen.«[60]
Der Opfertod Cäsars bildete den Übergang zwischen der ersten Phase des Bürgerkriegs, den der römische Feldherr und seine Anhänger gegen die traditionalistische und konservative Fraktion unter der Führung von Gnaeus Pompeius Magnus führten, und der zweiten Phase, die 31 v. Chr. in Actium mit dem militärischen Sieg Octavians über Antonius endete. Der Bürgerkrieg der zweiten Phase sollte die letzte Erschütterung der klassischen Zivilisation vor der Errichtung des Universalstaates sein, dessen Grundstein der Tod Cäsars und dessen Architekt Octavian war.
Diese soziale Revolution führte zu einer Neugestaltung des Reichsbegriffs: Es handelte sich nicht mehr um eine Ansammlung von Provinzen, die Rom unterstanden, sondern um eine Reihe von Individualitäten, lokalen Einheiten oder Nationen, die in einer Art Commonwealth vereint waren.[61] Von da an, so Rostovtzeff, »bestand das Römische Reich aus der Vereinigung dieser Nationen«, und dieses neue Konzept kommt in der den Provinzen von Hadrian gewidmeten Münzprägung gut zum Ausdruck.[62]
Johannes schreibt in seinem malerischen Wortschatz, dass der siebte Kopf des Tieres dazu bestimmt ist, einer achte Platz zu machen, und dass dieser zehn Hörner hat, die zehn Könige darstellen (Offb 17,11-12). Da „Könige“ im Sinne von „Königreichen“ zu verstehen sind, steht der weiteren Etappe der Weltgeschichte ein »Pluriversum zivilisierter Staaten« bevor.[63] Eine multipolare Welt aus regionalen Imperien stellt sich daher als Fortschritt in der Geschichte dar. Der russische Philosoph Alexander Dugin schreibt: »Das Imperium ist zugleich eine vormoderne und eine postmoderne Idee. Imperien gingen den Nationalstaaten voraus und kehren zurück, wenn der Kreislauf der Moderne abgeschlossen ist«.[64] Der Übergang von der unipolaren zur multipolaren Phase wird durch eine Krise erfolgen, die den Westen und insbesondere Europa treffen wird. David Engels schreibt: »Angesichts der nahezu täglich eintreffenden Hiobsbotschaften ist es mehr als fraglich, daß das Abendland eine Ausnahme von der Regel darstellen wird, der zufolge die endzeitliche Vereinigung einer Zivilisation immer aus einem Zeitraum intensiver Unruhen erwächst«.[65]
6. Abschluss
Seit der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert verfolgt die Interpretation der Weltgeschichte zwei unterschiedliche Wege: auf der einen Seite gibt es diejenigen, die die aufklärerische Position vertreten, die auf den Kategorien Fortschritt-Linearität-Vollendung basiert. Zu dieser Gruppe gehört beispielsweise Francis Fukuyama. In seinem Werk The End of History And the Last Man (Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch) werden der Zerfall des Kommunismus in der Sowjetunion und der Aufstieg der USA (zur einzigen Weltmacht) als die Vorzeichen einer neuen historischen Ära verkündet, in der sich Hegels Prophezeiungen über die unbegrenzte Ausweitung der demokratischen Prinzipien der Französischen Revolution erfüllen. Laut Fukuyama hat die Welt das Ende der Geschichte erreicht, ihre Erfüllung.
Auf der anderen Seite stehen Philosophen und Denker, die die Idee abgelehnt haben, dass der Fortschritt der Weltgeschichte mit dem des Westens zusammenfällt und dass, selbst wenn dieser in eine Krise zu geraten scheint und seine Geschichte einen Rückschritt markiert, dieser Rückschritt offensichtlich ist und als Voraussetzung für einen Sprung nach vorne interpretiert werden muss. Anders gesagt, behaupten sie nicht nur, dass das Ende des Westens nicht mit dem Ende der Weltgeschichte zusammenfällt, sondern dass »eine lange Nacht über den Westen hereingebrochen ist, in der das Licht einer neuen Morgendämmerung nicht zu erblicken ist«, da dieser Niedergang unaufhaltsam und nicht umkehrbar ist.[66]
Im Rahmen des Misstrauens in das fortschreitende Schicksal der Geschichte ist Oswald Spengler, mit Recht einer der größten Propheten des 20. Jahrhunderts, wieder in Mode gekommen, da er sein philosophisches Hauptwerk dem Abstieg des Abendlandes gewidmet hat.
Wie Giuseppe Bedeschi in seinem kurzen, aber sehr gut dokumentierten Aufsatz über die Entwicklung des Zeitbegriffs im europäischen Denken erläutert, wurde Spengler zusammen mit Nietzsche und Heidegger sofort in die Liste der Philosophen aufgenommen, deren Ideen als antiliberal und antihumanistisch gelten. Ähnliche Vorwürfe wie von liberaler Seite werden auch von der intellektuellen Linken erhoben. In seinem Aufsatz Empire äußerte sich der Philosoph Antonio Negri folgendermaßen über ihn: »Nun sind zyklische Geschichtsauffassungen etwas Vertrautes […] wie sie im 20. Jahrhundert Autoren wie Oswald Spengler und José Ortega y Gasset formulierten. Es gibt selbstverständlich enorme Unterschiede […] zwischen Spenglers Naziideologie und dem intelligenten Historizismus eines Fernand Braudel«.[67] Die gegen Spengler erhobenen Vorwürfe von Antiliberalismus, wenngleich nicht von Pro-nazismus, sind völlig unbegründet aber leicht erklärbar. Der Historiker David Engels betont, wie oft wir dazu neigen, wissenschaftliche Studien über die deterministischen und zyklischen Aspekte der historischen Entwicklung mit den privaten Wünschen oder politischen Ideen der jeweiligen Autoren gleichzusetzen.[68]
Spenglers Kritiker werden dieser Annahme natürlich widersprechen und behaupten, dass es der Mensch ist, der sein Schicksal schmiedet, und nicht umgekehrt. Im Moment können wir nur die Ereignisse abwarten, um zu sehen, ob sich Spenglers Prophezeiungen erfüllen werden, und zwar die wichtigste von allen: das Ende der Demokratie und die Ankunft des Cäsarismus. Während die Zeit vergeht und der Moment der Wahrheit eintrifft, scheint sich die Prophezeiung gerade durch den ideologischen Kampf derjenigen zu erfüllen, die sich dem Cäsarismus entgegenstellen wollen: in seinem Essay mit dem Titel The Road to Unfreedom ruft der Historiker Timothy Snyder die intellektuellen und politischen Eliten des Westens zu den Waffen, um den Zusammenbruch der Demokratie und die Durchsetzung der Autokratie in Russland, Europa und Amerika aufzuhalten.
Sollte die Prophezeiung nicht wahrwerden, werden Spenglers Kritiker Recht behalten. Sollte die Prophezeiung hingegen wahr werden, werden die lateinischen Worte bestätigt werden, mit denen der deutsche Philosoph sein Meisterwerk beendet: »Ducunt fata volentem, nolentem trahunt«. Das Schicksal führt sanftmütig diejenigen, die sich ihm fügen, und schleift die anderen, die sich ihm widersetzen, wie Sklaven hinterher.
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Endnoten
[1] Löwith (2004), S. 198.
[2] Vgl. Löwith (2004), S. 201-203.
[3] Vgl. Löwith (2004), S. 206.
[4] Ratzinger, J. - Papst Benedikt XVI (2004), S. 26-27.
[5] Vgl. Ratzinger, J. Kardinal (2005), S. 79.
[6] Vgl. de Benoist (1996), S. 31-32.
[7] Eliade (2021), S. 19.
[8] Aus diesem Grund, erklärt Eliade, hätte sein Werk den Untertitel tragen müssen: »Einleitung zur einer Philosophie der Geschichte« (ibid., S. 11).
[9] Spengler (2023), S. 763.
[10] Ibid., S. 1024.
[11] Vgl. ibid., S. 1023.
[12] Ibid., S. 48.
[13] St. Jerome (2009), S. 32.
[14] Ibid., S. 75.
[15] Vgl. ibid., S. 32.
[16] Zu dieser Periodisierung Vgl. Ammianus Marcellinus (Res Gestae XIV, 6,2–6) und Santos Yanguas (1981).
[17] De Benoist (1996), S. 118.
[18] Vgl. Demandt (2017), S. 76-77.
[19] Löwith (2004), S. 115 .
[20] Vgl. ibid., S. 114.
[21] Vgl. ibid., S. 114.
[22] Spengler (2023), S. 23.
[23] Vgl. ibid., S. 23.
[24] Ibid., S. 54-55.
[25] Vgl. Eliade (2021), S. 137-141.
[26] Vgl. Spengler (2023), S. 48.
[27] Vgl. Eliade (2021), S. 157-158.
[28] Spengler (2023), S. 211.
[29] Ibid., S. 212.
[30] Vgl. Lupieri (1999), S. 180; Giblin (1993), S. 86.
[31] Vgl. Efird (2001), S. 104; Wikenhauser (1983), S. 270, 293-294; Caird (1999), S. 137; Collins (2001), S. 184-186.
[32] Vgl. Wikenhauser (1983), S. 293.
[33] Vgl. Spengler (2023), S. 70.
[34] Vgl. Eliade (2021), S. 155.
[35] Vgl. Strauss /Howe (1997), S. 10.
[36] Vgl. Demandt (2017), S. 59.
[37] Vgl. Corsini (2002), S. 43.
[38] Vgl. https://www.vatican.va/content/benedict-xvi/en/speeches/2010/october/documents/hf_ben-xvi_spe_20101025_peterson.html.
[39] Vgl. Peterson (2004), S. 116-119.
[40] Spengler (2023), S. 82.
[41] Bevor wir den Inhalt der Rede darlegen, sollen wir im Detail ihre Entstehung und die verzerrten Wechselfälle ihrer Veröffentlichung in italienischer, deutscher und englischer Sprache erläutern. Die Rede stammt aus dem November 2000 und wurde auf einer Konferenz in Berlin verlesen (Ratzinger J., 2004, S. 9, Fußnote). Vier Jahre später wurde die Rede ins Italienische übersetzt und auf Einladung des Präsidenten des Senats der Italienischen Republik, Marcello Pera, am 13. Mai 2004 vorgelesen. Der Text wurde 2004 in zwei Auflagen veröffentlicht, beide in italienischer Sprache. Die erste trug den Titel Europa – i suoi fondamenti oggi e domani (Edizioni San Paolo). Die zweite enthielt sowohl den von Ratzinger geschriebenen als auch den von Pera geschriebenen Teil (Senza radici, 2004). Dieses zweite Buch wurde später mit demselben Titel ins Englische übersetzt (Without Roots, 2006). 2005 wurde die italienische Ausgabe unter demselben Titel ins Deutsche übersetzt (Ohne Wurzeln). Beim Durchblättern der deutschen Ausgabe stellt man jedoch fest, dass der Text der Rede, die Ratzinger im Jahr 2000 in Berlin hielte, nicht vorhanden ist. Mit anderen Worten, stimmt die deutsche Ausgabe nicht mit der italienischen Originalausgabe überein. Wenn man die Rede lesen will, findet man sie in Werte in Zeiten des Umbruchs, 2005.
[42] Ratzinger J. Kardinal (2005), S. 69.
[43] Vgl. Ratzinger J. Kardinal (2005), S. 75.
[44] Spengler (2023), S. 1113.
[45] Vgl. ibid., Tafel „gleichzeitiger„ Geistespochen.
[46] Vgl. Ratzinger J. Kardinal (2005), S. 75.
[47] Vgl. Ratzinger J. Kardinal (2005), S. 75-76.
[48] Spengler (2023), S. 1211.
[49] Ratzinger J. Kardinal (2005), S. 77.
[50] Ibid. S. 79.
[51] Vgl. Palermo (1998), S. 42.
[52] Tosatti /Giansoldati (2003), S. 6–7.
[53] Vgl. Massimo, F. (2015), S. 215.
[54] Vgl. Demandt (2017), S. 91.
[55] Vgl. Brzezinski (1997), S. XIV.
[56] Ratzinger J. Kardinal (2005), S. 78.
[57] Ibid., S. 79.
[58] Vgl. ibid., S. 80.
[59] Spengler (2023), S. 82.
[60] Engels (2014), S. 44-45.
[61] Vgl. Harper (2017), S. 9.
[62] Vgl. Rostovzev (1953), S. 144.
[63] Vgl. Demandt (2017), S. 93.
[64] de Benoist /Dugin (2014), S. 88.
[65] Engels (2019), S. 182.
[66] Vgl. Bedeschi (2019), S. 11.
[67] Hardt /Negri (2002), S. 249.
[68] Vgl. Engels (2021), S. 49.


